Freitag, 24. Februar 2017

Eine kleine Geschichte vom Warten

Es war einmal ein Mann, der saß an einer Bushaltestelle. Er wartete auf den Bus. Manche Leute, die vorüber gingen, wunderten sich, wieso der Mann dort so lange saß - immer in der selben Position: gerader Rücken, im 90 Grad-Winkel aufgestellte Beine, die Hände auf den Oberschenkeln abgelegt und den Blick geradeaus gerichtet. Er sah in die Ferne. Wohin er dort genau sah, konnte niemand mit Bestimmtheit sagen. Vielleicht in ein Reich, das keiner von uns sehen konnte, vielleicht auch nur bis zur gegenüberliegenden Hauswand.
Regen und Sturm konnten ihm nichts anhaben, er wartete beharrlich auf den Bus. Und als der Bus endlich kam, nach Tagen des Wartens - und der Busfahrer die Tür öffnete und dem Mann freundlich zu lächelte - da stand der Mann auf, ganz strikt und verklemmt, ging einige Schritte auf den Busfahrer zu, um dann links am Bus vorbei zu gehen... zurück nach Hause.

--- Meint ihr nicht auch, dass wir viel zu viel Zeit des Lebens mit Warten verbringen? Was meint ihr, wohin der Mann gesehen hat? Wieso ist er wohl wieder nach Hause gegangen, statt mitzufahren? ---

Donnerstag, 16. Februar 2017

Träum dich weg: Max Giesiger - "Wenn sie tanzt"

Wir träumen zu wenig. Wir sind zu fokussiert darauf, immer weiter zu kommen (auch eine Art von träumen). Aber statt uns ersteinmal vorzustellen, wohin wir wollen, was wir wollen, sind wir nur ständig am Ackern und machen uns dabei kaputt, reiben uns auf. Meistens für andere. Wir müssen es uns gönnen, durchzuatmen! Träumen macht Spaß. Man kann alles. Fliegen, zum Beispiel. Flieg los!
"...und wenn sie tanzt, ist sie woanders, für den Moment, dort wo sie will. Und wenn sie tanzt, ist sie wer anders, lässt alles los, nur für das Gefühl. Dann geht sie barfuß in New York, schwimmt alleine durch Alaska, springt vor Bali über Bord und taucht durch das blaue Wasser. Und wenn sie tanzt, ist sie woanders, lässt alles los, nur für das Gefühl..."
(c) Max Giesinger - "Wenn sie tanzt"

Wer träumt sich nicht gern einmal woanders hin? In Zeiten von Stress und einer ständigen Hetzerei von Termin zu Termin gibt es doch kein besseres Balsam als zu träumen. Max Giesinger macht in seinem Song "Wenn sie tanzt" genau darauf aufmerksam. Er greift mitten rein in die Wirklichkeit der Gesellschaft.
Viele leben ständig an ihrer Belastungsgrenze. Dass man sich nicht zerreißen kann, weiß eigentlich jeder, doch trotzdem versucht es jeder. Burn-Out und Depressionen werden immer alltäglicher; jeden kann es treffen. Deswegen sollte man Acht auf sich geben. Einfach mal durchatmen; nimm dich raus! 
Lausche einmal Max Giesinger. Was macht dir Freude? Womit kannst du dem Alltag entfliehen? 
Zu träumen ist immer erlaubt. Träumen ist nicht nur als Ziel gemeint, sondern vor allem als Ruhepohl. Allein durch das Hören dieses Lieds, werde ich ruhig, bekomme ein bisschen Fernweh - und Lust, zu tanzen. Es beschreibt die Geschichte einer Frau, die ihrem Alltag nur kurz entkommen kann (wenn sie tanzt) und sich weit weg träumt. Ich stelle mir eine Frau vor, die die Arme ausbreitet und sich im Kreise dreht, während sie ihr lächelndes Gesicht in Richtung Sonne streckt. Wir alle sollten es ihr gleichtun!

Sonntag, 12. Februar 2017

Das Abschiedsdinner (Theaterstück) oder: Wann endet eine Freundschaft?

Das Theaterstück von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière war wunderbar!

Pierre und Clode bemerken, dass sie Zeit mit "Freunden" verbringen, die es eigentlich nicht sind, weil die sogenannte "Freundschaft" bloß noch von längst Gewesenem lebt. So geben sie ein Abschiedsdinner für Antoine, der nicht weiß, dass es das letzte Fest sein wird und danach der Kontakt abbrechen soll. Pierre und Clode tun alles, damit es der schönste Abend wird. Allerdings bemerkt Antoine, was die beiden vorhaben, und beginnt, um die Freundschaft zu kämpfen.

Es hat mir so unglaublich gut gefallen! Das Stück war witzig, die lediglich drei agierenden Schauspieler haben eine super Leistung abgeliefert, aber es hat auch nachdenklich und traurig gemacht (zu meinen Gedanken gleich mehr). Den Theatersaal verließ ich mit einem freudigen und einem melancholischen Auge. Bei einem Rollentausch von Pierre und Antoine, war die Parodie auf den ohnehin schon schrägen Vogel einfach urkomisch 😃 also das Lachen kam wirklich nicht zu kurz. Traurig war eher, wie unsere Gesellschaft heute tickt...

Daher möchte ich noch meine nachdenklichen Gedanken äußern: Wann endet eine Freundschaft? Warum macht man mit einem Freund, mit dem man nichts mehr gemein hat, nicht einfach "Schluss" wie mit einem Partner, den man nicht mehr liebt? Wieso entfremdet man sich, obwohl man sich doch immer gut verstanden hat? Weshalb dümpeln manche Freundschaften so vor sich und leben dann meist nur noch aus der Vergangenheit und aus "Weißt du noch?!"? Wieso erlebt man nichts Neues mehr zusammen? Und wieso sind die Bemühungen oft einseitig?

All diese Fragen habe ich mir während des Stücks gestellt und bin leider auch zu keiner Antwort gekommen. Das ist das Einzige, was mich unbefriedigt zurückgelassen hat. Über Entfernungen und Stress, geht oft die Nähe zwischen Freunden verloren. Je weniger man sich öffnet und von sich preis gibt, je weniger man miteinander lebt und kommuniziert, desto schwieriger wird es, denke ich. Vor allem muss man auch offen sein für den anderen, beide Teile müssen es wollen. Aber es ist nicht immer nur das "Neue, Frische" gut. In dem Stück wurde es damit verglichen: Wenn man neue Freunde oder Bekannte findet, würde man wieder überrascht, man würde angeregte Gespräche führen und immer wieder neues übereinander entdecken, wie bei einer frischen Liebe. Doch das Alte wird besonders schnell dann fad, wenn man sich dem verschließt. Natürlich kann eine Freundschaft nicht nur vom Aufgekochten leben - schließlich ist irgendwann jede Suppe leer. 
Wahrscheinlich dümpeln Freundschafren aus zwei Gründen oftmals vor sich hin: Einer hat immer noch die Hoffnung nicht aufgegeben, während der andere sich hin und wieder "erbarmt", aus Mitleid, der alten Tage wegen. Keiner möchte einen klaren Strich machen, weil dann die Hintertür zu ist. Menschen verändern sich. Manchmal entfernen sich die Wege voneinander, manchmal führen sie auch wieder zusammen - und genau die Chance will man sich vermutlich offen halten. Nicht, dass das nicht auch trotz Cut ginge, aber es würde viel schwerer fallen. Deshalb hinkt wohl auch der Vergleich mit dem Partner: Freunde kann man viele gleichzeitig haben, einen Partner hat man (im Regelfall) nur einen zur gleichen Zeit; da muss ein klares Ende her, wenn man was anderes will.

Allerdings muss es nicht so sein. Auch wenn es Zeit kostet: Freunde sind teuer. Und gute erst recht. Die sollte man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen! Daher darf man nicht vergessen, dass man auch in eine alte Freundschaft neues geben kann wie gemeinsame Unternehmungen oder gemeinsame Projekte, die in Erinnerung bleiben.

Freundschaft ist kostbar.

Allen, denen Freundschaft wichtig ist, kann ich dieses lustige sowie nachdenkliche Theaterstück nur wärmstens empfehlen! Man wird es nicht bereuen.

Donnerstag, 9. Februar 2017

Regalschätze: "Ruhm" von Daniel Kehlmann

Einleitend möchte ich nur kurz sagen, dass ich mir eine neue Rubrik überlegt habe: "Regalschätze". Das soll für all die Bücher gelten, die ich schon vor längerer Zeit gelesen habe, die aber so im Gedächtnis geblieben sind, dass ich mich einfach noch dazu äußern muss - und ich quasi einen Schatz aus dem Regal gefischt habe! ;-)

--- Wer lieber hört, statt zu lesen, der klickt hier! ---

"Ruhm" von Daniel Kehlmann wird schon auf dem Cover als "ein Roman in neun Geschichten" beschrieben.

Es geht um verschiedene Personen, darunter ein Schriftsteller und eine alte Dame, die sterben möchte, deren Geschichten nicht unterschiedlicher sein könnten, die sich aber alle miteinander verweben und dabei Wirklichkeit und Schein verwischen.

Es ist nun schon eine ganze Weile her, dass ich das Buch gelesen habe. Die einzelnen Geschichten sind ruhig und nicht sonderlich aktionsgeladen, aber nicht minder dramatisch. Wie sich die einzelnen Geschichten miteinander verflochten haben, hat das Buch zu einem kompakten Gesamtpaket verschnürt. Der Schreibstil war - soweit ich mich erinnere - sachlich und nüchtern (ähnlich wie bei Klassikern), aber niemals fade.
Das Buch hat auf jeden Fall die Chance, in der Zukunft ein Klassiker unserer Zeit zu werden, was mich beim Lesen irgendwie auch ein bisschen stolz gemacht hat. Ich kann das Buch auf jeden Fall empfehlen, aber man sollte es nicht als locker-leichte Strandlektüre auffassen. Der Inhalt ist zwar nicht hoch anspruchsvoll, aber wer eher Lust auf einen Pageturner für Zwischendurch hat, für den ist das Buch eher nicht geeignet.

Montag, 6. Februar 2017

Review: La La Land

Zur Zeit in aller Munde: "La La Land" mit Emma Stone und Ryan Gosling in den Hauptrollen. Das Filmmusical ist für sage und schreibe 14 Oscars nominiert!

Es geht um Sebastian, einen gescheiterten Jazzpianisten, und Mia, eine gescheiterte Schauspielerin. Beide träumen davon, Erfolg damit zu haben, was sie lieben. Als sie sich immer wieder über den Weg laufen, erkennen sie sich selbst im jeweils anderen und verlieben sich in einander. Doch wie ihre Träume sie einst verbunden haben, so treiben sie auch einen Keil zwischen sie.

Auf den ersten Blick ist "La La Land" romantisch: Zwei, die tanzen. Zwei, die singen. Zwei, die träumen. Zwei, die sich lieben. Doch auf den zweiten Blick ist es das so gar nicht: Zwei, die sich durchschlagen müssen. Die Romanze steht gar nicht im wesentlichen Vordergrund.
Und was bleibt, ist doch die wunderschöne Szenerie! Die Kostüme, die Musik und die Leistung der Schauspieler fügt sich zu einem hinreißenden Gesamtbild zusammen, von dem man einfach nur verzaubert sein kann; das einen zufrieden zurück lässt. Noch dazu ließ die peppige Musik und das immer wiederkehrende Thema von Sebastian für Mia es nie langweilig werden: Man wollte aufspringen und mittanzen. Schon die Anfangsszene machte einfach nur Spaß und munter.
Die Szene, die auch als Foto für das Filmplakat verwendet wurde, ließ Romantik erahnen. Romantik lag aber im Grunde auch in keinem der beiden Hauptcharaktere veranlagt.
Die Kamera fungierte als herausragende Erzählerin, die die anmutigsten Momente eingefangen hat.

Immer noch bin ich mir nicht sicher, ob ich die Aussage des Films bzw. das Ende verstanden habe, aber das tut der "Schönheit" des Films keinen Abbruch. Jeder, der sich verzaubern lassen möchte, bekommt von mir eine Sehempfehlung.
Allerdings kam ich mit der Form des Musicals nicht ganz so super zurecht. Für mich gehört ein Musical eher auf eine Theaterbühne, da mir die gesamte Geschichte viel fiktiver vorkam (als andere ausgedachte Film-Geschichten), aber vielleicht macht auch gerade dieses Spiel zwischen Fiktion und Realität den Reiz und vor allem den Zauber aus.

Donnerstag, 2. Februar 2017

Der letzte Brief

»Alles Gute, Markus«, sagte der Boss und streckte Herrn Müller steif die Hand hin. Doch dieser rührte sich nicht, sondern drehte sich um.
Er ging.
Ohne ein weiteres Wort.
Eines Tages werden Maschinen vielleicht denken können, aber sie werden niemals Phantasie haben*, schwirrte es ihm durch den Kopf, als er schnellen Schrittes davon eilte. Theo hatte ja so recht, dachte er. Da war er gerade mal 60 geworden und schon war er nicht mehr gut genug, aber der Boss hatte sich auf seiner Feier noch ordentlich durchgefuttert.
Statt seiner Wenigkeit durften sich die Kunden jetzt mit einem hirnlosen Kasten unterhalten, um ihre Briefmarken zu bekommen.
Es ist nun mal nicht vorgesehen, mich zu bezahlen, dachte Herr Müller.
»Hallo Markus! Kannst du diese Briefe hier mitnehmen?«, fragte die alte Frau Krüger aus der Osterstraße, die nicht mehr so gut zu Fuß war und ihn jetzt in der Fußgängerzone ansprach.
Herr Müller überlegte, ob er Ja oder Nein sagen sollte.
Er war nicht mehr erwünscht. Ersetzt. Durch kopflose Gerätschaften. Er war überflüssig. Nicht mehr zu gebrauchen. Aussortiert. Wohin mit all der Zeit?
»Ja, natürlich, Frau Krüger ... Sind die Briefe eilig oder müssen sie als Einschreiben versandt werden?«, fragte er sie.
Die alte Dame fasste ihn am Arm und sagte freundlich: »Es sind keine wichtigen Briefe, lass dir nur Zeit. Ich weiß das sehr zu schätzen, dass du das für mich machst. Das ist nicht selbstverständlich. Danke, Markus.« Ihr Mund formte sich zu einem lächelnden Strich inmitten des gezeichneten, faltigen Gesichts. Es zwang ihn, ebenfalls zu lächeln.
Er sah auf die Briefe.
»Einer davon ist an ihre Tochter.« Eine Feststellung. »Soll ich ihn noch in einen bunten Umschlag stecken? Oder Aufkleber draufkleben? Es ist doch bald Ostern.«
»Nein, mach dir bloß nicht zu viel Arbeit.« Frau Krüger zwinkerte mit ihren kleinen Augen.
Dann kehrte Herr Müller um. Zurück zu seiner alten Wirkungsstätte.
Der gelbe Kasten leuchtete schon von Weitem. Als dieser erreicht war, spähte er in die Filiale. Handwerker. Ratlos. Zwischen ihnen das Monstrum.
Nein, er ging nicht rein.
Er öffnete die Klappe und hielt inne. Dann atmete er noch einmal tief durch und ließ die Briefe vorsichtig hineingleiten. Den letzten Brief.
Eine erneute Abwendung. Diesmal endgültig. Mit einem Lächeln im Gesicht.

(c) by Keksmond

*Zitat von Theodor Heuss